Digitale Medizin und KI. Mit Prof. Dr. Christian Elsner.
Ausgabe 07
Editorial
Portrait
Prof. Dr. Christian ElsnerThema dieser Ausgabe: KI-gestützte Dokumentation
Die Technik ist weiter als unsere Prozesse
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in fast jedem Gespräch mit Klinikleitungen landen wir derzeit bei derselben Frage: Wie viel Zeit geben uns digitale Werkzeuge tatsächlich zurück? Sprachgestützte Dokumentation verspricht viel. Ob sie trägt, entscheidet sich nicht in der Produktdemo, sondern auf der Station, in der Sprechstunde und im Zusammenspiel mit Pflege und IT.
In dieser Ausgabe geht es um eine aktuelle Studie zur Qualität automatisch erstellter Arztbriefe, um einen Klinikverbund, der die Einführung schrittweise geplant hat, und um Termine, bei denen Sie Erfahrungen aus erster Hand bekommen. Mein Eindruck: Die Technik ist weiter als unsere Prozesse. Genau dort sollten wir ansetzen.
Ich freue mich über Ihre Rückmeldung.
01Wissenschaft in der Praxis
Studie
Fünf Minuten weniger pro Patientenkontakt, gleiche Briefqualität
Was die randomisierte Studie zeigt und wo sie endet
Fachjournal für Medizininformatik (Beispiel)·
Die Studie
Eine Forschungsgruppe für Medizininformatik an einem Universitätsklinikum (Beispiel) hat 86 Ärztinnen und Ärzte aus drei internistischen Abteilungen per Zufall zwei Gruppen zugeteilt. Die eine dokumentierte zwölf Wochen lang mit einer KI-Assistenz, die aus dem Gespräch einen Briefentwurf erstellt, die andere wie gewohnt. Gemessen wurden bei rund 4.200 Patientenkontakten die Dokumentationszeit und die Briefqualität, bewertet von zwei verblindeten Fachärzten nach einem standardisierten Bogen. Die Studie war öffentlich gefördert, ohne Herstellerbeteiligung.
Der Befund
In der KI-Gruppe sank die Dokumentationszeit pro Kontakt im Mittel um rund fünf Minuten. Bei der Briefqualität zeigte sich kein signifikanter Unterschied zur Kontrollgruppe. Die Teilnehmenden berichteten außerdem über weniger Nacharbeit am Dienstende.
Die Grenze
Untersucht wurden nur internistische Stationen; Fächer mit komplexeren Gesprächen wie Psychiatrie oder Pädiatrie fehlen. Zwölf Wochen sagen wenig über einen stabilen Langzeiteffekt. Fehler in den Entwürfen wurden gezählt, aber nicht nach klinischer Relevanz gewichtet.
Prof. Dr. Elsner meint
Für eine Pilotierung spricht einiges, für eine flächendeckende Einführung ohne eigene Auswertung noch wenig. Legen Sie vorab fest, wie Sie Zeitersparnis und Korrekturaufwand messen, und lassen Sie die Freigabe jedes Dokuments beim ärztlichen Personal.
Bild Praxisfall · z. B. Stationsarbeitsplatz mit Spracheingabe · Alt-Text Pflicht
Bild: [Quelle / Rechteinhaber]
Erst die Prozesse, dann die Lizenz: Wie ein Klinikverbund KI-Dokumentation eingeführt hat
Klinikverbund (Beispiel) · DeutschlandStatus: Regelbetrieb auf zwei Stationen seit Juli 2026
Ein kommunaler Klinikverbund mit drei Häusern hat KI-gestützte Arztbriefe eingeführt, ohne vorher einen Anbietervergleich zu starten. Zuerst wurde geklärt, wie auf Station dokumentiert wird und wer am Ende verantwortlich ist.
Worum es geht
Der Klinikverbund (Beispiel) versorgt mit rund 1.100 Betten eine Region in Norddeutschland. Anfang 2025 stieß die Geschäftsführung ein Projekt an, um die Dokumentationszeit auf den internistischen Stationen zu senken: Ärztinnen und Ärzte verbrachten dort nach eigener Schätzung zwei bis drei Stunden pro Dienst mit Arztbriefen und Verlaufseinträgen. Geprüft wurde eine Software, die das Gespräch am Bett oder im Arztzimmer aufnimmt, transkribiert und daraus einen Entwurf für den Arztbrief oder den Verlaufseintrag erstellt. Projektleitung hatte die Ärztliche Direktorin, beteiligt waren die Pflegedirektion, die IT-Leitung und der Datenschutzbeauftragte.
Wie es abgelaufen ist
In den ersten drei Monaten hat die Projektgruppe auf zwei Pilotstationen dokumentiert, welche Texte im Dienst entstehen, wer sie schreibt und wer sie freigibt. Auf dieser Grundlage entstand eine Liste erlaubter Dokumente: Arztbriefe und Verlaufseinträge dürfen von der Software vorbereitet werden, Aufklärungsbögen und Gutachten nicht. Erst danach wurde ein Anbieter ausgewählt und eine Datenschutz-Folgenabschätzung erstellt. Für jede Station wurde eine ärztliche Ansprechperson benannt, die Rückfragen sammelt und Fehler an den Hersteller meldet. Nach einer sechswöchigen Testphase mit zwölf Ärztinnen und Ärzten läuft die Software seit Juli 2026 im Regelbetrieb auf beiden Stationen. Die Freigabe jedes Dokuments bleibt beim ärztlichen Personal.
Was dabei klar wurde
In einer internen Befragung im Juni 2026 gaben die 34 beteiligten Ärztinnen und Ärzte an, im Schnitt rund ein Fünftel weniger Zeit für Dokumentation aufzuwenden. Die Akzeptanz lag deutlich höher als bei der Einführung der elektronischen Patientenakte einige Jahre zuvor, was das Projektteam auf die frühe Beteiligung und die klaren Regeln zurückführt. Der Korrekturaufwand bei den Entwürfen war anfangs hoch und ging erst nach mehreren Wochen zurück.
−21 %selbst berichtete Dokumentationszeit pro Dienst2 Stationen · Januar bis Juni 2026 · n = 34 · Quelle: interne Befragung (Beispiel)
Die Grenze
Die Zahl beruht auf einer Selbstauskunft von 34 Ärztinnen und Ärzten auf zwei Stationen. Eine systematische Auswertung von Zeit, Fehlern und Briefqualität steht noch aus; der Verbund plant sie für das erste Quartal 2027.
Prof. Dr. Elsner meint
Die Einführung ist zuerst eine Organisationsaufgabe. Klare Regeln, welche Dokumente automatisiert vorbereitet werden, und ein fester Ansprechpartner auf Station bringen mehr als ein langer Anbietervergleich.
Fünf Schritte vor dem Start: neue Orientierungshilfe für KI in Klinik und Praxis
Die Fachgesellschaft (Beispiel) hat am 18. September eine 24-seitige Orientierungshilfe für den Einsatz KI-gestützter Systeme in Klinik und Praxis veröffentlicht. Das Papier richtet sich an Geschäftsführungen und Ärztliche Direktionen und beschreibt in fünf Schritten, wie ein System eingeführt werden sollte: Einsatzzweck schriftlich festlegen, eine verantwortliche Person benennen, Mitarbeitende vor dem Start schulen, einen Meldeweg für Fehler einrichten und die Ergebnisse mindestens jährlich prüfen. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Empfehlungen als Nachweis sorgfältiger Einführung dienen können.
Warum das wichtig ist
Sie liefert eine Vorlage für Verantwortlichkeiten und Fehlermeldewege, die viele Häuser noch nicht haben.
Die Grenze · Die Empfehlungen sind nicht verbindlich, und ob sie Einführungen messbar sicherer machen, ist nicht belegt.
Videosprechstunden in der Nachsorge: Anteil fast verdoppelt
Eine Auswertung von Abrechnungsdaten aus vier Bundesländern zeigt, dass der Anteil der Videosprechstunden an allen Nachsorgeterminen zwischen 2023 und 2025 von 6 auf 11 Prozent gestiegen ist, so das Institut für Versorgungsforschung (Beispiel). Am stärksten wuchs die Nutzung nach orthopädischen Eingriffen und in der Kardiologie. In Interviews nannten die befragten Praxen kürzere Wege für Patientinnen und Patienten und besser planbare Sprechstunden als Hauptgründe. Bei Beschwerden, die eine körperliche Untersuchung erfordern, wurde weiterhin fast ausschließlich in Präsenz behandelt.
Warum das wichtig ist
Das betrifft die Planung von Sprechstundenkapazitäten in Klinikambulanzen und Praxen.
Die Grenze · Die Daten zeigen, wie oft Video genutzt wird, nicht wie gut. Welche Patientengruppen profitieren, ist kaum untersucht.
„Die Software schreibt den Entwurf. Die Verantwortung bleibt bei uns.“
Dr. Maria BeispielÄrztliche Direktorin, Klinikverbund (Beispiel) · im Gespräch mit der Redaktion, September 2026
Worum es geht
Mit der KI-Dokumentation verschiebt sich die Arbeit: weniger Schreiben, mehr Prüfen. Offen ist in vielen Häusern, wer haftet, wenn ein Entwurf einen Fehler enthält, den niemand bemerkt, und wie gründlich die Prüfung im Stationsalltag realistisch sein kann.
Was dahintersteckt
Der Satz fiel im Gespräch über die Einführung im Klinikverbund aus dem Praxisfall oben. Dort unterschreibt jede Ärztin und jeder Arzt den Brief wie bisher; die Software gilt intern als Schreibhilfe, nicht als Autor. Die Ärztliche Direktorin hat diese Regel vor dem Start mit Rechtsabteilung und Chefärzten abgestimmt und in einer Dienstanweisung festgehalten. Nach ihrer Aussage hat gerade diese Klarheit die Skepsis im Team gesenkt: Niemand müsse fürchten, für einen Text zu haften, den er nicht geprüft habe, weil die Prüfung ausdrücklich Teil des Arbeitsschritts sei.
Service
Weiterbildung
[Name des Studiengangs]
[Format · Dauer · nächster Start]
Was Sie mitnehmen: [Ein Satz zum Nutzen für Ärztinnen, Ärzte und Klinikleitungen, z. B. KI-Projekte selbst bewerten und steuern können.]